Gerda Boyesen


Gerda Boyesen
Travemünde 1999

Gerda Boyesen,  (geb. Gerd Momsen 18. 05. 1922 in Bergen, Norwegen; gest. 29. 12. 2005 in London) gründete die Biodynamische Psychologie und gilt als eine Pionierin der Körperpsychotherapie.

Als klinische Psychologin mit psychoanalytischem Ansatz lernte sie die Vegetotherapie bei dem Wilhelm Reich Schüler Ola Rakness kennen und wurde physiotherapeutisch in der Psychiatrischen Klinik (Ulleval Klinik, Oslo) bei Aadel Bülow-Hansen, einer Schülerin von Trygve Braatoy, in der haltungsverändernden Deepdraining Massage ausgebildet. 

In den folgenden Jahren klinischer Praxis entdeckte Gerda Boyesen, dass die spontane Darmperistaltik nach emotionaler Katharsis oftmals von neuen Erkenntnissen begleitet war und beide zusammen über Jahre gelebte emotionale Dispositionen veränderten. Da diese vegetativ-emotional-kognitive Gleichzeitigkeit in der Lage war, emotionalen Stress buchstäblich zu verdauen, nannte sie dieses charakteristische psychophysische Phänomen " Psychoperistaltik".

Auf Grundlage dieser Entdeckung pflegte Gerda Boyesen seit den 60er Jahren den vegetativen Signalen im klinischen Geschehen besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Ihre Erfahrungen mit der Reaktivität des autonomen Nervensystems  - in der Psychologie bis heute wenig beachtet - bilden die Basis der sich entwickelnden Biodynamischen Psychologie. Entgegen der weit verbreiteten Ansicht in der Psychotherapie, dass die Begegnung mit alten, die Persönlichkeitsstruktur verformenden Emotionen, wie Angst und mit tiefer Bedürftigkeit verbundener Trauer und Schmerz eher schädlich sei, erlaubte eine funktionierende vegetative Selbstregulation durchaus, auch mit stark energetisierten affektiven Ladungen zu arbeiten, wie sie charakteristischer Weise in der Begegnung mit sehr frühen, vorsprachlichen Regressionen auftreten. Es zeigte sich, dass es gerade diese "heißen" und gefährlich anmutenden Emotionen sind, die letztlich strukturelle Veränderungen zu Wege brachten - sofern sie in stimmiger Begleitung durchlebt wurden.

Entscheidend für das Gelingen jener zumeist gefürchteten transformativen Prozesse wurde deren Einbettung in eine sichere und geborgene Atmosphäre und dem abschließenden Erreichen eines entspannten Wohlbefindens nach der Abfuhr inneren Drängens. Die Arbeit mit der "Psychoperistaltik" mittels eines Stethoskops auf der Bauchdecke wurde zum Kennzeichen biodynamischer Massage, die nach Gerda Boyesens Ansicht jegliches traumatische Erleben in ein "happy ending" überführen kann.

Die Beachtung parasympathischer Reaktionen in den strukturlösenden Massagen führte zudem zu einer vermehrten Durchlässigkeit der Klienten für das Selbsterleben. Die sich in der Tiefenentspannung einstellenden "Impulse von Innen" wurden zum thematischen Leitfaden ihrer biodynamischen Vegetotherapie. Ohne weitere Energetisierung, Provokation oder Konfrontation seitens des Therapeuten führten die schwachen vegetativen Signale zu zentralen, kognitiv nicht repräsentierten Themen der Therapie. Zuvor feste Vermeidungskonstrukte körperlicher wie psychischer Natur begannen sich spontan umstrukturieren. Im Schutz der Einbettung des Geschehens in eine geschützte Atmosphäre führten die inneren Prozessen selbsttätig zu dem Erleben neuer Gefühle, Erkenntnisse und zu verändertem Verhalten. In genau diesem formativen Streben nach Neugestaltung aus eigenem Antrieb heraus (gr. dynamis) sah Gerda Boyesen die inhärente Weisheit des Lebens (gr. bios) an sich wirken. Im Menschen sah sie diese Kraft als ein biologisch fundiertes Potential, das bestrebt ist sich zu einer innewohnenden "Primär-Persönlichkeit" zu entwickeln. In seiner Entwicklung trifft diese allerdings auf widrige und überfordernde Umgebungen, die sie zu einer sekundären Kompromiss-Persönlichkeit umformen.

Selbst überzeugt von ihren Theorien und deren Bestätigung durch ihre therapeutischen Erfolge fand Gerda Boyesen doch mehr Kritik als Anerkennung, sowohl bei den psychiatrischen wie bei den reichianisch orientierten Kollegen ihrer Osloer Umgebung. 1968 ging sie schließlich nach London und übernahm dort von Ola Rakness die einzige reichianische Praxis Englands. Der englischen Sprache noch nicht sehr mächtig stieß sie nun im psychischen Zusammenhang auf das gleiche wie im vegetativen und im emotionalen beobachtete Phänom einer spontanen Integration, wenn sie nur den sprachlichen Fluss aufrecht erhielt. Auf allen dieser drei Ebenen, der vegetativen, emotionalen und psychischen, trat als ausschlaggebender, gemeinsamer Wirkmechanismus immer deutlicher der Kern ihrer Methoden hervor. Nämlich das Bereitstellen jener Atmosphäre des Vertrauens, Gewähren-Lassens und Respekts, welche sowohl therapeutische Prozessese der Klienten initiiert und trägt, als auch Stressreste des Erlebens im Zustand entspannten Wohlfühlens physiologisch wie psychologisch verdaut und in das Selbstsystem integriert. Sie erreichte diese biodynamische Einbettung zum einen durch ihre Ausstrahlung, ihr ohne Zweifel starkes Charisma; sie war eine Meisterin der vegetativen Resonanz, so dass ihre Interventionen von Außen häufig wie Magie wirkten - warum sie etwa den Nacken berührte, das Sakrum stützte oder eine bestimmte Frage stellte. Andererseits entwickelte sie ein weites, auf das Vegetative ausgerichtete Methodenrepertoire im Einklang mit ihrem neuartigen Verständis leibseelischen Zusammenwirkens.

Nach mehrjähriger Vortragstätigkeit zu der sich stetig entwickelnden "Biodynamischen Psychologie" und Publikationen in dem ersten körperpsychotherapeutischem Magazin "Energy & Charakter" (Hrsg. David Boadella) gründete Gerda Boyesen 1975 eine Klinik und und ihr erstes Lehrinstitut "Center for Energy" in Acton Park, London. Hatte sie schon vordem viele heutige Vertreter körperpsychotherapeutischer Richtungen mit ihrer dynamischen Arbeit beeinflusst – wie etwa Jay Stattman, Malcolm Brown, Ken Speyer, Hans Krens -, so bildete sie nun selbst eine große Zahl biodynamischer TherapeutInnen aus. Mit einem gestuften Ausbildungsprogramm in enger Verzahnung mit supervidierter Arbeit in der Klinik schuf sie als erste Frau in Europa eine eigenständige Psychotherapieschule. Bereits Ende der 70er Jahre unterrichtete sie auch auf dem europäischen Kontinent und in Brasilien.

In den 80er Jahren wurden ihre inzwischen weit verzweigten Ausbildungen von dem "Gerda Boyesen International Institute" (GBII) getragen. Jeweils dreijährige, in Wochendeseminaren gegliederte Grundausbildungen in Biodynamischer Psychologie wurde durch zweijährigen Deepdraining-Ausbildungen, die sie bevorzugt selbst ausrichtete, vervollständigt. 1985 veröffentlichte sie zwischenzeitlich in Frankreich lebend das Buch "Entre Psyché et Soma", das in Deutschland unter dem Titel: "Über den Körper die Seele heilen" bekannt wurde. Es entfachte nie das Strohfeuers eines Bestseller, zeigt aber eine erstaunliche Kontinuität - es wird heute nach 20 Jahren allein in Deutschland noch in 11. Auflage neu gedruckt und erreicht mit 37.000 Exemplaren eine beachtliche Popularität.

Die 90er Jahre beendeten den Psychoboom, unter dessen Einfluss in Deutschland biodynamische Methoden erfolgreich nicht nur in Kliniken, sondern auch in ambulanten psychologischen Praxen nach dem Delegationsverfahren praktiziert wurde. Mit der Erkenntnis, dass es einen großen Mangel an Psychotherapieplätzen gab - insbesondere psychosomatische Krankheiten wurden derzeit kaum als solche erkannt und behandelt - setzte europaweit eine zusehende Professionalisierung der Psychotherapie ein. Wegen der je nach Land unterschiedlichen gesetzlichen Vorgaben für Psychotherapie wurde das zentrale GBII von Schulen verschiedener biodynamischer Strömungen abgelöst. Um die Bidoynamik zu professionalisieren, wurde bereits 1993 in Deutschland die in ihren psychotherapeutischen Bestandteilen eher analytisch ausgerichtete, aber auch von den „Biorelease“-Massagen ihrer Tochter Mona Lisa und der dynamischen Erogenetic von Ebba Boyesen geprägte "Europäische Schule für Biodynamische Psychologie und Erogenetics e.V. " (ESBPE) in Lübeck gegründet; in London erlangte die mehr vegetotherapeutisch orientierte und biodynamische Massagen integrierende "London School of Biodynamic Psychotherapy" mit einem Trainerteam unter Clover Southwell die Mitgliedschaft in dem humanistischen Zweig des UKCP. Während das Schweizer Institut für Biodynamik (SIB) heute versucht, mit seiner im Grundkurs ebenfalls physiotherapeutisch ausgerichteten Ausbildung die staatliche Anerkennung als Komplementärtherapie zu erreichen, ist der in den 80er Jahren recht große und aktive Kreis Wiener Biodynamiker nach dem in Österreich bereits 1990 aufgelegtem Bundesgesetz Psychotherapie bis heute auf nur wenige Aktivisten geschrumpft. Weitere Schulen dagegen, in Frankreich unter Francois Lewin mit beeindruckenden Entwicklungen im  künstlerischen Ausdruck und kreativ psychodynamisch orientiert, in Irland unter Mary Malloy mit einer physiotherapeutisch ausgerichteten Ausbildung  und mit großem Erfolgen in medizinischen Kliniken arbeitend (-> Peg Nunneley), in den USA (mehr spirituell, vegetotherapeutisch ) und in vielen kleineren Schulen entlang ihrer Wege der 80er Jahre, wie in Portugal, Israel, Mexiko,  Brasilien oder Australien verfolgen und praktizieren bis heute eigene biodynamische Richtungen.

Sie tat dies in vollem Bewusstsein darüber, dass ihre - im engeren Sinne ‚nur’ - physiotherapeutischen Verfahren von psychotherapeutischer Seite her die meiste Kritik erntete. Noch heute sprechen die meisten klinischen Psychotherapeuten dem Körper jegliche psychodynamische Relevanz ab - was angesichts der Befundlage in der emotionspsycholgischen und neuro-affektiven Forschung ein Skandal ist. Selbst in körperpsychotherapeutischen Kreisen stieß sie mit ihrem Beharren auf ihre manuell-therapeutischen Methoden auf Unverständnis. Das Hauptargument war, dass es für psychologische Umstrukturierungen nicht reiche, im Innern ein vergnügtes„Pantoffeltierchen“ zu entwickeln. Die Kritik richtete sich sowohl auf ihre Massagen wie auf ihre „orgonomische“ Ausrichtung, bei der es um das „unabhängige Wohlbefinden“, um das Erleben der „ozeanischen Wellen“ im Innern geht - dem Angelpunkt ihres Konzepts emotionaler Selbstregulation, ohne die biodynamische Prozesse undenkbar sind. Für ihren weit reichenden Einfluss auf die sich in den 80er Jahren etablierende Körperpsychotherapie wurde sie auf dem 7. Internationalen Kongress der EABP (European Association for Body Psychotherapy) im September 1999 in Travemünde zusammen mit Eva Reich, David Boadella, Al Pesso und Malcom Brown als Pionierin der Körperpsychotherapie mit der Ehrenmitgliedschaft geehrt - das obige Foto zeigt sie in ihrem Hotelzimmer unmittelbar nach der berührenden Feier.

Auch in ihren letzten Lebensjahren im neuen Jahrtausend wollte sie sich keinesfalls zur Ruhe zu setzten. In ihrem Londoner Haus empfing sie Klienten, leitete Supervisions- und Trainingsgruppen, verarbeitete ihre frühen handschriftlichen Aufzeichnungen zu Artikeln und schrieb beständig an ihrer „wahren“ Biographie. In 2003 veröffentlichte sie zusammen mit Peter Bergholz ein weiteres Buch: „Dein Bauch ist klüger als du“, das sich mehr mit edukativen Verfahren der Biodynamik im Sinne der Gesundheitsbildung beschäftigt - einer Form der Biodynamik für jedermann/frau. Im gleichen Jahr begann sie zusammen mit Siegfried Bach einen völlig neuen Ausbildungsansatz zu entwickeln: ähnlich wie in ihrem ursprünglichen ‚Centre for Bioenergy’ der 70er Jahre wurde die supervidierte Praxis mit dynamischen Massageverfahren wieder ein Grundpfeiler des Therapeutentrainings. Erreicht wurde dies durch das Auslagern ihrer Kernverfahren, des  Deepdraining und der biodynamische Vegeto- und Psychotherapie in 2-jährige, eigenständige Module. Unter Einbezug der supervidierten Praxis der Ausbildungskandidaten sollte ihr Ausbildungsprogramm in Biodynamischer Psychologie und Psychotherapie durch ein klinisch orientiertes Jahr ergänzt und vervollständigt werden.

Aber nicht nur in der Theorie, auch in ihrer Lehre zeigte Gerda Boyesen bis zum Ende ihres reichen Lebens große geistige Beweglichkeit und Mut zur steten Veränderung. Noch in der laufenden Deepdraining-Ausbildung in 2003 stellte sie die Prioritäten dieses - von ihr nun beinah 40 Jahre praktizierten - Verfahrens quasi auf den Kopf. Es sollte nun nicht mehr primär auf die Veränderung der Atemmuster ausgerichtet sein, sondern als oberste Richtlinie dem Wohlbefinden der Klienten dienen. Dies entspricht einer Änderung ihrer therapeutischen Strategie, wie sie ähnlich in der klinischen Psychologie bei der modernen Behandlung von Persönlichkeitsstörungen zu finden ist: durch die Akzeptanz des jeweiligen Persönlichkeitsstil wird zunächst ein Beziehungskredit erworben. Erst da nach können behutsame und dennoch häufig provozierende wirkende Konfrontationen zu einem Veränderungserfolg führen.

Nachdem ihr Schaffen in 2004 zunächst erneut durch eine Erkrankung eingeschränkt war, deklarierte sie ungebrochen noch in ihrer Rekonvaleszenz die Wiedereröffnung ihres alten GBII, um ihren eigenen Standard biodynamischer Lehre und Praxis international vertreten und gewährleisten zu können. Die Fragmentierung der Biodynamischen Psychologie in verschiedene Schulrichtungen, die jeweils eigenständig Lösungen für den berufsständigen Druck suchten, sich als Körperpsychotherapie zu etablieren, waren ihr ein Greuel. In ihren Begegnungen mit Kollegen und in den Supervisionen erlebte sie immer wieder, dass biodynamische Therapien dem konventionellen Diagnose-Indikations-Schema verhaftet und in den Stühlen klebend sich zu klärungsorientierten Gesprächen wandelten, während die schlichten Tugenden der Biodynamik, etwa das geduldiges Zuwarten und Vertrauen auf richtungweisende ‚Impulse von Innen’ ohne diesen Prozess durch Interventionen aus therapeutischem Wissen heraus zu stören, wenig geübt wurden – Ausbildungskandidaten wie Klienten fordern häufig abrufbares Wissen und scheuen die direkte Begegnung mit Emotionen.

So sollte das neue GBII durch eine zentrale Supervision von Ausbildern und Therapeuten ihre Vorstellung biodynamischer Praxis stärken und sich als Garant für wirklich dynamische und effektive Arbeit etablieren. Besonders besorgt zeigte sie sich über ihr Deepdraining-Verfahren. Nach ihrem Verständis sollte diese als eigenständische strukturverändernde Therapie respektiert und nicht einfach als eine weitere biodynamische Massage verbreitet werden. So fürchtete sie einerseits, dass das von ihr als potenteste ihrer Methoden geschätzte Deepdraining auf physiotherapeutische Aspekte reduziert ihren guten Ruf mindern könnte. Eher besorgt war sie andererseits, dass die technisch einfach zu erlernenden, andererseits aber strategisch die unbewusste Abwehr ausspielenden typischen Sequenzen des Deepdrainings in nicht supervidierten Behandlungen ernsthaft schädigend wirken könnten, wenn diese ohne therapeutische Kompetenz von Laien ausgeführt werden – wie etwa ein Skalpell als Selbsthilfe-Instrument wenig geeignet ist.

Trotz ihrer sich im Alter einstellenden Schwächen blieb Gerda Boyesen bis zu ihrem Ende zukunftsgewandt und interessiert. Im Frühjahr 2005 zeichnete sie einen Trägerschaftsanteil der in 2003 wiedereröffneten Universität zu Altdorf (inua), um unter dem Dach dieser sich dem humanistischen Bildungsideal von Humboldt ausrichtenden Initiative ein Gerda Boyesen Institut für Biodynamik einzurichten. Dieses Institut sollte sich neben der Lehr- und Supervisionstätigkeit auch der wissenschaftlichen Forschung verpflichten. Doch das Seminar mit ihrer Deepdraining-Ausbildung im Juli 2005 beendete ihre Lehrtätigkeit. - Die meisten ihrer Ärzte hatten ihr eine Restlebenszeit von etwa zwei Jahren gegeben, was ihr angesichts ihrer Pläne wohl zu wenig erschien. Gerda Boyesen entschied sich für eine riskante lebensverlängernde Operation. An deren Folgen verstarb sie am 29. Dezember 2005 gegen 23:00 Uhr GMT.


Trauer